Es sind wieder fröhliche Kinder mit Spaß am Lernen

„Eine leistungsorientierte Gesellschaft will auch perfekte Kinder.“ Ulrike Weber fasst zusammen, warum ihrer Meinung nach immer mehr Kinder verhaltensauffällig sind. Eltern würden schnell in die Ecke gedrängt, wenn ihre Kinder nicht nach Lehrbuch funktionieren, und reagierten dann mit Erziehungsunsicherheit. Ein Teufelskreis, dem Kinder wie Eltern schwer entkommen.
Weber war Leiterin des Kinderhorts an der Heideschule, jetzt übernahm sie den Fachdienst teilstationäre Erziehung und Familie in der Einrichtung, Christina Bandorf die Hortleitung.
Den integrativen Hort des Jugendhilfezentrums Maria Schutz an der Heideschule gibt es seit zehn Jahren. Er ist der erste und einzige im Landkreis. Hierher kommen die sechs- bis zwölfjährigen Kinder aus der Heideschule nach dem Unterricht. Sie essen gemeinsam zu Mittag, machen Hausaufgaben, spielen miteinander und basteln. Was mit 20 Kindern in zwei Räumen begann, ist innerhalb der zehn Jahre auf 27 Kinder in drei Räumen angewachsen. Neben den 17 Hortkindern gibt es noch zehn spezielle Plätze für Kinder mit einem besonderen Förderbedarf.
Bei diesen Kindern hat ein Jugendpsychiater die Diagnose „Bedroht von seelischer Behinderung“ gestellt. Es sind Kinder mit massiven Entwicklungsrückständen, Lernproblemen und Verhaltensauffälligkeiten. Der Bedarf an solchen integrativen Plätzen steige, meint Weber. „Es sind Kinder, die eine Nachreifungszeit brauchen“, erklärt Bandorf.
Beide bedauern, dass viele Eltern darauf drängen, dass ihr Kind auf eine „normale Schule“ gehen muss, weil Förderschulen oft einen schlechten Ruf hätten. Dabei seien Kinder in Förderschulen oft viel besser aufgehoben; was dort geleistet werde, davon mache sich kaum jemand eine Vorstellung. Und Weber und Bandorf erleben nicht selten die Kinder, die in den Grundschulen durchs Raster gefallen sind. Sie haben kein Selbstwertgefühl mehr, leiden unter Schulangst und sozialen Ängsten, weil sie ausgegrenzt wurden. Nach einem halben Jahr in der Heideschule und im Hort sehen die beiden dann den Erfolg ihrer Arbeit. „Es sind wieder fröhliche Kinder mit Spaß am Lernen.“ Das würden ihnen auch die Eltern immer wieder bestätigen.
Im Hort spielt die soziale Komponente für alle Kinder eine große Rolle, erklärt Bandorf. Die Kinder müssen oft erst lernen, miteinander umzugehen, aber dann erleben sie Gemeinschaft. Etwas, was in den Dörfern oft nicht mehr der Fall sei. „Wo treffen sich Kinder heute noch draußen zum Spielen?“, fragt Weber. Auch das soziale Netzwerk der Familie sei zusammengebrochen, „Freunde fangen nicht das ab, was Großeltern geleistet haben“, meint sie. Eltern seien heute oft auf sich alleine gestellt, aber die Kinder bräuchten dringend eine Gruppe als Lernfeld. Der Erfolg davon: Die Hortkinder werden in der Klasse oft um ihre Gemeinschaft beneidet. Das habe ihnen eine der Lehrerinnen erzählt, sagt Weber.
Neben den Kindern spielt die Elternarbeit eine große Rolle. „Wir haben viele tolle Eltern“, betont Weber. Natürlich gebe es auch die, die man nur bei der Aufnahme und beim Abschlussgespräch sehe, aber das sei die Ausnahme. Immer mehr Kinder aus der Mittelschicht seien im Hort, und immer mehr Eltern engagieren sich.
„Die Begeisterung der Kinder, die sich über alles freuen, was wir anbieten, sei das Schönste an ihrer Arbeit“, meint Weber. Für Bandorf ist es eher zu entdecken, was die Kinder alles können, und zu sehen, wie sie sich weiterentwickeln.
Die Arbeit ist „schön und anstrengend zugleich“, stellen sie fest. Die Kinder reißen einen einfach mit, das erhält jung. Andererseits brauche es auch viel Geduld, wenn man beispielsweise Kinder mit Bindungsstörungen betreut; da sei es schwer, eine Beziehung aufzubauen. Manchmal brenne es an allen Ecken und Enden, und dann könne man wieder einmal ganz entspannt mit den Kindern spielen.
„Man weiß nie, was einen erwartet“, sagt Weber. Besonders schön finden es die beiden, wenn sie Besuch von ehemaligen Hortkindern bekommen. „Das zeigt doch, dass sie sich hier wohlgefühlt haben.“

Artikel: http://www.mainpost.de/regional/schweinfurt/Lehrbuecher-Verhaltensauffaelligkeiten;art763,9549491
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